Ein Coupé mit Herzschlag

Komplett neu aufgebaut – 1970er Kadett B Rallye 1900
Kompliziert war der Kadett B nie – selbst als Opel „Rallye“ dranschrieb und aus dem braven Auto eins mit Herzschlag machte. Wenn es einen Vorläufer der GTI-Klasse gab, dann war es dieser Kadett! Zehn Jahre vor dem Golf brachte er viel Leistung für wenig Geld. Über 100.000 Stück bauten sie in Bochum bis 1973. Im bürgerlichen Breitensport war Opel auf Jahre hinaus eine Macht. Nicht selten trug den Rallye Kadett allein seine unbedingte Zuverlässigkeit ins Ziel.  

1966 wirkte er wie ein Weckruf. Ende 1966 reichten 1,1 Liter Hubraum und 60 PS im 780 Kilo leichten Kadett aus, um als Brandstifter aufzutreten. Dazu passte es, dass es den Rallye Kadett nicht als vernünftige Limousine oder praktischen Kombi gab. Bis zum Schluss wurde er nur als Coupé gebaut, nie in gedeckten Farben lackiert, immer mit Rallye-Streifen und ohne Radkappen ausgeliefert. Die Signalwirkung war da. Leider schafften es Fächerkrümmer, Weber-Vergaser, Sportfahrwerk und Breitreifen nie in die Serie.

… immer mit Rallye-Streifen

Das sieht bei diesem 1970er Exemplar anders aus. 2015 fand Thomas Appelhoff dieses kupfermetallicfarben lackierte Auto. „Der Zustand war zwar erbärmlich, aber es war ein originaler 1900er Rallye“, betont der Kfz-Meister aus Bochum. An der Karosserie mussten ein Frontschaden und jede Menge Rost entfernt werden. „Die neue Schnauze zu finden war ein großes Problem“, erinnert sich Thomas. Aber die Suche war schließlich von Erfolg gekrönt.

Der Opel-Fan restaurierte seinen Rallye-Kadett innerhalb von zwei Jahren. Das Fahrwerk legte er durch Änderungen an der vorderen Querblattfeder tiefer. Als Räder montierte er 13 Zoll große Ronal-Kleeblattfelgen mit 185er Reifen. Bremsen, Achsen, Motor und Getriebe wurden überholt. Das 1,9-Liter-Triebwerk erhielt einen bearbeiteten Zylinderkopf und eine schärfere Nockenwelle sowie zwei 45er Weber-Doppelvergaser und einen Abarth-Auspuff. So ausgerüstet leistet der Motor muntere 125 PS statt der ursprünglich serienmäßigen 90 PS.

… und ohne Radkappen

1968 fuhr der Rallye in Händen von Privatfahrern bei 238 Veranstaltungen unglaubliche 222 Klassensiege, 345 Gold- und 287 Silbermedaillen ein. Der Kadett B ist ein Beispiel dafür, warum Opel erfolgreich und beliebt wurde. Auch beim Coupé mit Rallyestreifen hat der Kofferraum Mittelklasse-Format. Ein Rallye Kadett trägt dick auf und tut halbstark, ist aber im Grunde ein ganz vernünftiger Kerl, der für Langstrecke, Alltag und Familie taugt.

Sein großer Erfolg war seine große Schwäche. Die Fahrer haben ihn hart rangenommen – täglich auf dem Weg zur Arbeit und am Wochenende auf Asphalt und Schotter. Schließlich landete die rostanfällige Karosserie auf dem Schrott. Entsprechend selten ist so ein Kadett heute zu finden. Die Technik ist überschaubar konstruiert, leistungsfähig und zäh. Vier Leute und Gepäck passen auch noch in das Coupé, außerdem sind die Unterhaltskosten niedrig. Schwierig ist heute aber die Suche spezieller Ersatzteile.

Ersatz für schadhafte Technik ist noch am einfachsten zu bekommen. Große Teile der Mechanik liefen auch bei anderen Baureihen wie Ascona A, Rekord D oder später im Nachfolger Kadett C, außerdem spuckten die Opel-Bänder in Bochum fast 2,7 Millionen Kadett B aus. Doch bei Blechteilen für die CIH-Kadetten sieht es finster aus. Vordere Kotflügel, Kühlerblech, sowie Türen sind vergriffen, guter Zierat ist nicht zu bekommen. Spezifische Rallye-Teile wie Jod-Scheinwerfer, Zusatzinstrumente, Auspuffanlagen, Doppelvergaser und originale Luftfilter sind seit langem Mangelware.

Die Innenausstattung von Thomas’ Kadett zeigt sich im Originalzustand – abgesehen von den Vordersitzen, bei denen es sich um zeitgenössisch übliche sportliche Schalensitze handelt. Trotz ständiger Suche hat der Opel-Fan das originale Gestühl bisher noch nicht auftreiben können. Rund 1000 Kilometer wird der Rallye Kadett im Jahr bewegt. Als Gesamtlaufleistung stehen inzwischen 125.000 Kilometer auf dem Tacho. 

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