1965er Kadett A Coupé

Es sind schon weit mehr als fünfzig Jahre ins Land gegangen seitdem Opel 1963 auf der IAA die teuerste Variante des A-Kadetts zeigte – das Coupé. Und obwohl nur gut acht Prozent der Kadett-Produktion in dieser schicken Form von den Bändern rollte, verspürt man noch heute den Geist verschwenderischer Anmut, den diese Zweitürer ausstrahlen. Luxusvarianten von Kleinwagen à la Audi A1 sind mitnichten eine Erfindung der Neuzeit. Und wo, wenn nicht in seiner Geburtsstätte Bochum, ließe sich so ein Wägelchen am besten in Szene setzen? Vor allem dann, wenn der Kleine hier seit geraumer Zeit wieder heimisch geworden ist. Also, bitte Platz nehmen auf den roten Sesselchen.

Neues Auto - alter name: Opel Kadett

Ende der Fünfziger litten die Rüsselsheimer noch an der “Käferplage“. Das Krabbeltier aus Wolfsburg brabbelte unterhalb der Mittelklasse als Platzhirsch im Revier. Und das obwohl der VW Käfer technisch in die Jahre kam. Kurzum, die Rüsselsheimer bliesen zum Angriff. Neues Auto – alter Name, lautete die Devise. Der Neue sollte wie der Vorkriegserfolg Kadett heißen. Und sogar eine eigens dafür zu errichtende Fabrik würde man ihm bauen. Aufgrund des Facharbeitermangels stampfte man das neue Werk im Ruhrpott aus dem Boden. Ausreichend Arbeitskräfte standen hier bereit. Zudem buhlten aufgrund des Strukturwandels Städte wie Bochum aktiv um die Ansiedlung neuer Branchen.

Ab 1962 dann spuckte das in Rekordzeit von zwei Jahren gebaute Werk 1962 die ersten Anti-Käfer in die Welt. Und nicht nur das Publikum reagierte begeistert: “Er ist nicht nur ein preisgünstiges und zweckmäßiges Gebrauchsauto, sondern auch ein Wagen, den flott zu fahren wirkliches Vergnügen bereitet“, schrieb ein Tester der Zeitschrift Automobil. Aber nicht nur “zweckmäßig“ und “Gebrauchsauto“ wollte der Kleine sein.

Kadett-Luxus-Variante glänzte mit Hupenring und Make-up-Spiegel

So kam neben der so praktischen Limousine und einem Kombi (Caravan 1000) auch eine Luxus-Variante (L) auf den Markt, die sich vor allem durch allerlei Chromzierat und opulente Ausstattung auszeichnete. Dazu zählten seinerzeit unter anderem ein Hupenring, Lichthupe, Zeituhr, Make-up-Spiegel in der Beifahrersonnenblende oder Rückfahrscheinwerfer. Soll noch mal einer sagen, heutige Autos seien schlecht ausgestattet. Nun ja, immerhin schlug so ein Luxus-Kadett 1963 mit 5.525 Mark zu Buche. Zum Vergleich: Ein damaliges durchschnittliches Bruttojahreseinkommen betrug 7.775 DM. So stand das kleine Coupé also durchaus für einen kleinen Traum – der aber finanziell durchaus greifbar schien.

Detlef Jakob ist im Kadett Coupé groß geworden


So auch für die Familie Jakob aus Bochum, deren Goggomobil 1964 auf der B1 Richtung Dortmund alle Viere vom kleinen Körper streckte und streikte. Kurzum kaufte Vater Jakob ein nagelneues Kadett A Coupé. Diesen Kindheitserinnerungen blieb der Filius Detlef verbunden, “denn ich bin ja im Coupé groß geworden“. Und auch die Marke generell prägte. So arbeitet der heute 52-Jährige in der Qualitätssicherung des Bochumer Opel-Werks. Doch auch das Coupé spukte ihm im Kopf herum – exakt dreißig Jahre lang. 1994 sollte sich endlich nach längerer Suche der Kindheitstraum erfüllen. Denn in der Nähe von München stand er da, in einem super Zustand und mit nahezu jungfräulichen 53.000 Kilometern auf dem Tacho.

Aus bayrischem Exil in den Ruhrpott: Der 65er Kadett A Coupé


Klar, dass der Bochumer den Bochumer sofort aus dem bayrischen Exil holen musste, obgleich es dem 1965er dort augenscheinlich gut ergangen war. “Ich musste lediglich kleine Arbeiten durchführen, die nach drei Jahren Standzeit so anfallen. Die ältere Verkäuferin bewegte das Auto nach dem Tod ihres Mannes – dem Zweitbesitzer – nicht mehr, da sie keinen Führerschein hatte. “Sie muss aber gute Berater gehabt haben, denn sie meldete das Coupé während der drei Jahre jeweils einmal an.“ So konnte der originale Pappbrief des Autos bis heute erhalten bleiben.

Um auch die gute Substanz des Coupés für die nächsten Jahre zu konservieren, ließ er dem Wagen eine gründliche Wachshohlraumversiegelung angedeihen. “Denn er ist an sich komplett unrestauriert. Auch die Kotflügel sind noch die ersten Originale. Nur der Vorderwagen ist mal nachlackiert worden“, freut sich der 52-Jährige.

Kadett Coupé als gefragter Medienstar

Und der Kadett begeistert nicht nur seinen Besitzer. Auch die Medien sind bereits aufmerksam geworden. “2002 anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums des Werkes Bochum begleitete der WDR meinen Arbeitstag und auch den Kadett. Die vier Stunden Drehzeit mündeten schließlich in einem mehrminütigen Film.“ Auch Zeitungsberichte über den kleinen Opel sind schon erschienen. Doch gerade wenn Detlef Jakob in Bochum unterwegs ist, wo oft Passanten das Auto aus eigener Arbeitszeit im Werk kennen, wird es wieder zum beliebten Hingucker. Und das kleine Wägelchen wird zudem dem Reklamespruch “Opel der Zuverlässige“ mehr als gerecht. Während 16 Jahren (und 10.000 Kilometern) fielen nur Verschleißteile wie Zündkerzen, Kontakte, Kondensatoren, Bremsen, Bremsschläuche, Stoßdämpfer oder eine neue Kupplung an. “Klar ist das auch noch der erste Motor. Das Ding läuft prima. Im Grunde kriegt der nur regelmäßig seinen Ölwechsel.“

48-PS-Opel zieht 61er Eriba-Puck-Anhänger


Mittlerweile ziert auch noch ein 1961er Eriba-Puck-Anhänger den 48-PS-Opel. Den ersteigerte Jakob Ende 2009 im Internet und restaurierte ihn innerhalb eines halben Jahres. Er zerlegte ihn komplett, ließ die Möbel aufarbeiten, verlegte einen neuen Teppich und lackierte ihn zum Schluss neu. “Das Alu-Blech ist ja nicht geschweißt, sondern mit Poppnieten verbunden. Da haben wir auch eine halbe Seitenwand neu gemacht.“

Seither genießen Detlef Jakob und seine Frau den oldiemobilen Lebensstil – egal ob solo im Coupé oder als Pärchen mit Eriba. “Wir sind bei verschieden Ausfahrten wie der Münster Classic, Events wie der Bochumer Oldtimermeile oder bei Veranstaltungen im Werk dabei“, erzählt der Bochumer. Und die Freude am alten Blech teilt er gern mit andern. So stellt er beispielsweise auch oft bei Jubilarfeiern im Bochumer Werk den Wagen als stilvolle Deko zur Verfügung. Neben ihm sind freilich noch andere Opelaner am alten Blech interessiert und haben sich als Oldtimerfreunde Opel-Werke Bochum organisiert. Mittlerweile haben sich zirka 80 Fahrzeuge zusammengefunden – übrigens nicht alle sind Blitzträger. “Da sind wir tolerant.“

Am liebsten freilich findet Detlef Jakob sich hinter dem Steuer wieder. “Das Fahrgefühl ist geprägt von Motor- und Windgeräuschen und auch die Motorleistung ist eben nicht mit den von unseren heutigen Fahrzeugen vergleichbar. Aber die Leute auf der Straße sind immer begeistert, wenn sie so einen gut erhaltenen Wagen erblicken und freuen sich.“ Und das ist ja eigentlich mehr als ein kleiner Luxus.

Den kompletten Artikel gibt es in der flash – Opel Scene 11/2010!

Text und Fotos: Peter Löschinger

Fotos: Peter Löschinger

Von: Peter Löschinger

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